Lieber Omid,
eigentlich ist das Schreiben für mich wie Atmen oder wie "Âb khordan" (Wasser trinken) - aber diesmal habe ich es vor mich hingeschoben. Ich habe überlegt, woran das liegen könnte; und erst vorhin ist es mir bewusst geworden - und nur deshalb kann ich jetzt schreiben: Vielleicht will ich nicht herausfinden, wer wir sind. Vielleicht will ich nicht erfahren, dass das, was wir heute sind, nicht einmal annähernd das ist, was einer der großen Wiegen der Zivilisation würdig wäre.
Als ich 15 Jahre alt war, reichte mein Vater mir irgendwelche Formulare. Ich sollte sie ausfüllen, damit wir zusammen ins Rathaus gehen, um meine Einbürgerung zu beantragen. Wenn Du wüsstest, wie empört ich ihn ansah, wie trotzig ich antwortete: "Niemals! Ich bin Iranerin, Papa! Ich will keinen deutschen Pass. Soetwas würde ich nie tun. Wie kannst Du nur?"
Seine Antwort darauf war ernüchternd: "Dokhtaram (Meine Tochter), wenn Du Dich schon von einem Stück Papier der Identität berauben lassen kannst und Dich nicht mehr als vollwertige Iranerin fühlst, dann solltest Du Dich fragen, warum man Dich so schnell bedrohen kann. Denk' darüber nach, ob Du wirklich weißt, wer Du bist und woher Du kommst - vielleicht bist Du viel unsicherer, als Du Dich gibst. Denn wärst Du es nicht, würdest Du keine einzige Sekunde auf die Idee kommen, mit dieser Urkunde keine Iranerin mehr zu sein. Ich lege Dir die Einbürgerungsformulare auf Deinen Tisch. Wenn Du Dir Deiner sicher genug bist, dann füll' sie aus." Er ließ mich mit meinen Gedanken allein und schloss die Tür hinter sich. Erst 3 Jahre später übergab ich ihm die Formulare ausgefüllt zurück.
Diese Geschichte wiederholt sich heute erneut: Hier und jetzt. Viele Jahre später und um viele Gedanken und Zweifel stärker als damals, als ich 15 Jahre alt war, frage ich erneut: Wer bin ich?
"Wir haben die Tage bis zur Freiheit gezählt
und mit unserem Blut dennoch den Sinn verfehlt;
Ich sehe nichts.
Nichts, was mich hier auf meinen
einst geliebten Boden hält."
(Sherry)
Ich würde so gerne sagen, ich sei hoffnungslos, lieber Omid, denn dann wäre dieses Hin und Her vorbei. Ich würde so gerne sagen, ich könne mich von Iran abwenden, nicht mehr kämpfen, nicht mehr schimpfen, nicht mehr weinen - aber für die Hoffnungslosigkeit bin ich noch zu verzweifelt. Um diese Verzweiflung zu besiegen, muss eine Lösung her. Also geht der Kampf weiter.
Ich habe nicht soviele Erinnerungen an Teheran, wie Du. Ich bin dort geboren - und bis zu meinem 3. Lebensjahr habe ich dort gelebt. Danach hatte ich kaum Kontakt zu Iranern. Doch immernoch erkenne ich jeden Iraner an seinem Geruch, an seiner Körperhaltung und an seinen Augen. Die Erfahrung mit den Ermordeten der IR selbst in Deutschland, lehrten mich schnell, einem Iraner nicht alles zu erzählen - und dennoch: Immer, wenn ich einen sehe, lächle ich, trotz seines ersichtlichen Misstrauens mir gegenüber und weiß, dass er aus meinem Nest kommt. Die Schatten unter seinen Augen verraten mir, dass er den Geruch des Rosenwassers genauso sehr vermisst, wie ich. Ich fühle mich ihm zugehörig, will ihm anbieten, sich neben mich zu setzen und mit mir Noon o panir o sabzi (Fladenbrot & Schafskäse) zu teilen, mir seine Geschichte zu erzählen und mit mir über sein Heimweh zu reden - doch außer einem flüchtigen Blick und einem unmerklichem Nicken, bleibt nichts übrig. Warum ist das so? Ist es die Angst? Oder schämen wir uns für unsere Geschichte und wollen ihr am Liebsten nirgends begegnen? Schon gar nicht im Gesicht eines Landsmenschen? Sag' Du es mir, Omid.
Omid: <<Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?>>Nein, diese Frage musste ich mir nie stellen, denn meine Nationalhymne ist "Ey Iran". Ich habe noch nie eine andere mit soviel Begeisterung gehört und auch noch nie eine andere soviel Kraft gesungen. Es sagt nicht alles so, wie ich es wohl gesagt hätte, denn die Hymne ist sehr männlich - aber ich hatte nur die der Qajaren und die der heutigen, islamischen Republik Iran zur Auswahl. Die von den Qajaren war schön, aber die Dynastie war schrecklich. Und die heutige? Die spricht mehr von Religion und Märtyrern, als von Iran. Wenn "Ey Iran" auch nicht unsere gemeinsame Hymne ist, vielleicht kannst Du mit dem, was diese Hymne über Iran sagt, etwas anfangen. Oder? Versuch's nochmal, Omid. Hör' sie Dir an. Ey Iran
Was meine Nationalflagge angeht - so stand auch diese niemals zur Debatte. Es war und ist "Shir o Khorshid" (Der Löwe und die Sonne). Du darfst sie nicht nur mit den Pahlavi's assoziieren, lieber Omid, denn gerade diese Flagge ist es, die sich einer sehr alten, iranischen Symbolik bedient. Auch in Ferdowsis "Shahname" wirst Du lesen, was er dazu schrieb: Es war Rostam, unser Held, der diese Symbole stets hoch hielt. Wie kann ich mich Helden wie Ferdowsi und Rostam entziehen? Gar nicht. Ferdowsi ist für mich der Retter der persischen Sprache. Der Retter eines großen Stückes Kultur, das uns trotz der aggressiven arabisch-islamischen Invasion geblieben ist. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.
Omid:<< [...] Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.>>Ich verstehe den Freund Deines Vaters. Sollten wir uns eines Tages einmal gemeinsam ein Fußballspiel anschauen, würde auch ich Dich auch darum bitten, eine andere Flagge zu benutzen. Diese Flagge wurde nur für die Islamische Republik Iran konstruiert. Sie steht für alles, was unseren Landsleuten widerfahren ist. Sie steht für die vielen Tote im Irak-Krieg. Sie steht für alle Studenten und politischen Gefangenen, die noch jetzt auf die Freiheit warten. Sie steht für Hinrichtungen. Und sie steht dafür, dass Du und Ich hier des Nachts sitzen und darüber sinnieren, wer wir sind. Wenn Du Shir o Khorshid nicht magst, dann basteln wir einfach eine Eigene. Wieso nicht, Omid? Reich genug ist unsere Geschichte und unsere Kultur dazu. Wir haben soviel Auswahl. Lass' uns für Dich eine Flagge basteln.
Omid: <<Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.>>Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution das Schlimmste ist, was uns widerfahren konnte. Sie war nicht nur das Schlimmste, sie war gänzlich unnötig. Die Wege für eine weitere Modernisierung und der Erschaffung demokratischer Strukturen waren damals viel offener und geebneter, als heute. Der Shah war dabei, seine Politik zu korrigieren, indem er Bakhtiar großen Einfluss gab. Für 1979 standen sogar Neuwahlen an. Alle Wege wurden dafür bereitgestellt, dass Iran so wird, wie wir es uns heute noch erträumen. Nein, lieber Omid: Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können, als diese Revolution. Sie hat alle Modernisierungen, die wirklich eine schwere Geburt waren, mit einem Schlag zunichte gemacht. Einfachso. Weg.
Omid: <<So ist die islamische Revolution auferstanden und gibt uns Glauben und Leben...>>"Az bas ke setareh koshtid,ruye zaman siyah ast"("Ihr habt soviele Sterne getötet,dass das Gesicht der Zeit erschwarzt ist") Du siehst, wir sind beide Iraner und haben dennoch soviele, voneinander abweichende Eindrücke und Meinungen. Und trotzdem: Die Verzweiflung ist die Selbe. Unser Heimweh, ist das Selbe. Die besondere, verborgene Tiefe unserer im grauen Alltag geheim gehaltenen hybriden Seele die Selbe. Und wieder bleibt die Frage offen: Wer sind wir? Oder sollten wir die Erkundung anders beginnen? Sollten wir vielleicht fragen, wer und was Iran ist? Wofür dieses Wort, diese große, stolze Katze steht? Woran denken wir, wenn wir Iran sagen? Sag' Du es mir, Omid. Ich sag's Dir in diesem Gedicht:
"Du bist meine Mutter, auf meinem tränengetränkten Laken, liegst Du in meiner geheimen Schatztruhe, ich spreche zu Deinen Wunden und küsse ihnen Deinen Namen drauf: Iran... Du bist mein Traum, fernab von dieser Welt, bist Du frei, ich liebe Deine heiße Stirn, ich male Dich auf ihr drauf: Iran... Du bist meine Seele, Deine schwere Erde - die Salbe auf meiner sehnsuchtgeplagten Haut, ich schlage meine Wurzeln rein: Iran... Du bist meine Liebe, Meine kleine Hand in Deiner, sucht Halt, um weiter zu leben Mit geschlossenen Augen spreche ich über meine Sorgen, ich flehe Dich an und segne meine Lippen mit Deinem Namen: Iran... (Sherry)"Ich will Dir glauben. Ich will Deinem Schwur glauben, auf dass Du und ich den Vogel der Morgenröte fliegen sehen - und sei es nur als Zuschauer der deutschen Nachrichten. Ich will Dir glauben. Auf dass wir unseren Kindern eines Tages jenen Ort zeigen können, der beim Verlassen in uns solch' eine große Leere hinterlassen hat, die wir heute noch zu füllen suchen. Auf dass wir ihnen eines Tages jenen Ort zeigen können, von dem wir vertrieben worden sind... So sei es.
Khoda negahdaret (Möge Gott Dich schützen),
Sherry
© Iran-Now Redaktion