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Berlin 21:11 - Tehran 22:41 - Los Angeles 12:11 Samstag, 17.05.2008
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ANGST VOR DER BOMBE
Die demokratische Bombe im Iran tickt oder...
img ...warum mussten die Frauen verjagt werden?



(Von F. Keranian und P. Moghim für Iran-Now)


Iran-Now: Warum musste eine friedliche Demonstration von einigen Hundert Menschen zum Gedenken an den Weltfrauentag durch Sicherheitskräfte aufgelöst werden? Wie kann ein Regime, das sich seiner Legitimation sicher ist, derart in Panik geraten? Wieso ist denn so ein für Menschen- und Frauenrechte bedeutendes wie auch suspektes Ereignis keine Erwähnung in der deutschen Presse wert? Haben es diese freiheitfordernden Männer und Frauen nicht verdient einen Iran zu repräsentieren, der mehr aus dem Volk besteht als aus einer kleinen weltfremden Herrscherkaste? Das vorgefallene Ereignis ist von großer Bedeutung um den heutigen Iran zu verstehen.


Als erstes fällt einem die geringe Anzahl an Demonstranten auf, möchte man meinen. Denn es müsste angesichts der weit verbreiteten Sehnsucht nach Freiheit mehr solcher Menschen geben. Das Problem Irans besteht aber in der Mobilisierung breiter Massen.



Die Iraner von heute möchten ein möglichst friedliches und ruhiges Leben führen. Sie haben die sozialen Restriktionen satt, und sind gezwungen ein Doppelleben zu führen. Dieses Doppelleben, in der Öffentlichkeit die staatlich verordneten Sitten einhalten, und privat die der eigenen, führt zu einem Kompromiss, der eine für Außenstehende komplizierte Lebensweise darstellt. Iraner könnten als die größten Pragmatiker gefeiert werden.

Die Geschichte des Landes trägt ihr Übriges dazu bei. Sie zeigt einige sich wiederholende Muster auf. So war der Iran aufgrund seiner strategischen Lage häufig das Ziel feindlicher Angriffe. Solange das persische Imperium Bestand hatte, war es für Fremde schwer in das heutige Gebiet Irans einzumarschieren. Jedoch nach dem Niedergang des persischen Reichs, geriet das Land für die folgenden Jahrhunderte in Fremdherrschaft und endlose Kriege.

Vielleicht seit dieser Zeit, haben die Iraner einen Pragmatismus verinnerlicht, der einem Außenstehenden schwer vermittelbar ist. Es ist dieser Pragmatismus, der die Sinne stumpft, und wie eine Droge wirkt. Der freiheitsliebende Mensch ist praktisch wie ein Junkie, der süchtig nach Freiheit und Frieden ist. In seiner Privatsphäre dröhnt er sich mit Drogen zu, so dass durch den Rausch kein Widerstand mehr geleistet werden kann. Die eigenen Sehnsüchte sind dann bereits befriedigt, zumindest vorübergehend.


Es können aber auch real-existierende Drogen genommen werden, um die Sehnsucht zu stillen. Alkoholismus, Drogenahängigkeit, Konsumrausch und die wenige Stunden andauernde vermeintliche Flucht aus dem Alltag (auf welche Art und Weise auch immer diese stattfinden mag) sind heute feste Bestandteile der iranischen Gesellschaft. Es ist somit ein verzweifeltes Volk, das sich gefangen genommen fühlt und keinen langfristig erfolgversprechenden Fluchtweg erkennt. Dieses Volk scheint am Boden zu liegen.

Die jüngsten Reaktionen des Regimes jedoch sprechen eine andere Sprache. Sie sind gekennzeichnet durch Paranoia. Je aussichtsloser die Lebensumstände im Iran werden (und diese Aussichtslosigkeit hat sich in den letzten Monaten enorm verbreitet), desto häufiger finden sich einige wenige Menschen, die nicht mehr schweigen wollen. Allein in den letzten 3 Monaten des Jahres 2005 berichtete die iranische Presse von über 2000 Arbeiterprotesten, die landesweit stattgefunden haben sollen.

Ist die Zeit gekommen, dass sich der Gottesstaat ernsthaft bedroht fühlt? Seine letzten Aktionen jedenfalls, sei es die brutale Niederschlagung des Busfahrerstreiks oder die systematische Verhaftung von Regimekritikern, sie alle deuten in diese Richtung. Wird etwa ein Flächenbrand befürchtet?

Jedenfalls wurden all die inneren Konflikte in letzter Zeit immer stärker durch die Prominenz Irans auf der weltpolitischen Bühne überschattet. Der Streit mit dem Westen und die hierdurch sehr wirksam gewordene antiwestliche Propaganda im Iran stärken dem Regime den Rücken und schweißen die iranische Bevölkerung mit ihren Unterdrückern zusammen. Die Staatspropaganda ist dabei nicht einmal unbedingt nötig, um eine gewisse Abneigung gegenüber ausländischer Mächte zu entwickeln. Viel zu offensichtlich ist nämlich die Doppelmoral der Weltmächte im Umgang mit dem Iran. Nicht nur die Forderung nach atomarer Abrüstung, die man selbst nicht einhält, macht den Westen unglaubwürdig. Auch der Gedanke an einen androhenden Krieg, bei dem offen davon die Rede ist, Atomwaffen einzusetzen um iranische Atomwaffen zu verhindern, erinnert viele Iraner an traumatische Erlebnisse aus dem Iran-Irak-Krieg. Die Rückfälligkeit des freiheitsliebenden Junkies ist damit vorprogrammiert, die Sehnsüchte rücken weiter in die Ferne und Träume bleiben weiterhin im Reich der Träume.

Dass die Vorgehensweise westlicher Mächte der iranischen Bevölkerung in vielerlei Hinsicht schadet, wurde von Iranern oft genug angeführt und kritisiert. Die Annahme, dass derlei Warnungen ignoriert werden, ist aber zu kurzsichtig. Möglicherweise werden die Konsequenzen nicht ignoriert, sondern anvisiert.

Möchte der Westen etwa die Entwicklung einer iranischen Bombe verhindern? Wird eine Bombe gegen das Mullah-Regime befürchtet? Die demokratische Bombe, dessen Explosionskraft sich aus Wut und Verzweiflung der iranischen Bevölkerung zusammensetzt?

Es wäre zumindest gegen die offizielle Linie demokratischer Staaten, sich für die Mullahs einzusetzen. Doch selbst in der vermeintlich transparenten Bundesrepublik hat man oft genug erkennen dürfen, wie glaubwürdig offizielle Angaben tatsächlich sind (Beispiel BND-Affäre).

All diese Fragen sind gar nicht so abwägig, wenn man bedenkt, dass das heutige System Irans nicht nur ein Produkt von Iranern ist. Die "islamische" Revolution hatte in ihren Anfängen nicht die Gründung eines Gottesstaates zum Ziel, sondern wurde in diese Richtung gedrängt. Und wer glaubt dass die Konferenz von Guadeloupe schon längst an Wirkung verloren hat, der unterschätzt den westlichen Imperialismus.

Als 1979 die Revolution ausbrach, trafen sich westliche Regierungen (damals bekannt als G-7) bei einem Gipfel auf Guadeloupe, einer französischen Insel, um über die Zukunft Irans zu bestimmen. Deutschland wurde durch den damaligen Bundeskanzler und Sozialdemokrat Helmut Schmidt vertreten. In Guadeloupe wurde beschlossen, daß die einzig mögliche Alternative zum Schah, dessen Sturz sicher war, Khomeini und seine Anhänger waren. Daher wurde ihnen der schnellste Weg zum Herrschaftsanspruch freigemacht. Im Gegenzug hat sich Khomeini dazu verpflichtet, alle revolutionären Kräfte niederzuschlagen, die Interessen des Westens im Iran zu bewahren und vor allem den Ölexport für den Weltmarkt zu garantieren.

Auch heute noch profitiert die neoliberale Wirtschaftspolitik westlicher Mächte im gesamten Nahen Osten, selbst im ideologisch geprägten Iran. Die Reichtümer dieses Landes zwischen sich und den Mullahs aufzuteilen, steht nach wie vor an der Tagesordnung, denn noch sind die Mullahs fest an der Macht, zu schwach das Volk. Zumindest fühlt sich das Volk nicht in der Lage, seine Stimme zu erheben. Wie denn auch, wenn niemand zuhören kann, weil alle von Mini-Nukes, Krieg oder Sanktionen sprechen.


Und selbst wenn es zu Sanktionen kommen sollte, nutzen sie ja nur dem Herrscherkasten und dem Westen im Allgemeinen. Zum Beispiel würde hierdurch der Schmuggel und somit der illegale Handel iranischer Rohstoffe steigen, wobei diese zu einem Spottpreis zu haben wären. Denn illegal verkaufen zu können, bedarf es starker Argumente. Und natürlich würde die allgemeine Unzufriedenheit massiv zunehmen. Solange Proteststimmen aber übertönt werden können, ist noch keine zweite Iran-Konferenz auf Guadeloupe nötig.


Möchte der Westen den Mullahs aus der Patsche helfen?


Von Farschad Keranian und Pouya Moghim für
© Iran-Now Redaktion


Video-Aufnahmen von der Auflösung des friedlichen Protestes am Weltfrauentag in Teheran:

1) Frauen singen Protestchöre

2) Ordnungskräfte zeigen Präsenz

3) Demonstranten auf der Flucht




(sa)


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Veröffentlicht:
Montag, 24.04.2006 , 17:10 Uhr
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