
Tribunal der Putschisten: der gestürzte Ministerpräsident Mohammed Mossadegh (1881–1967) auf der Angklagebank vor einem iranischen Kriegsgericht (9.11.1953) (Foto: DPA)
Am 19. August 1953 stürzten Offiziere der iranischen Armee die demokratisch gewählte Regierung unter Ministerpräsident Mohammed Mossadegh. Vorbereitet und inszeniert hatte den Militärputsch die CIA. Der Coup, der den gestürzten Schah wieder an die Macht brachte, war der erste in einer langen Kette von »Regime changes«, bei denen der US-Geheimdienst seine schmutzigen Finger im Spiel hatte.
»Ich verdanke meinen Thron Gott, meinem Volk, meiner Armee – und Ihnen«, versicherte Schah Reza Pahlevi dem amerikanischen CIA-Agenten Kermit Roosevelt, als er am 22. August 1953 aus nur kurzem Exil nach Teheran zurückgekehrt war. Letzteres zumindest entsprach der Wahrheit, denn der Empfänger der kaiserlichen Dankesworte, ein Enkel des früheren US-Präsidenten Theodore Roosevelt, war einer der Drahtzieher des Coups, der zum Sturz des iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh geführt und den käuflichen Monarchen zum mächtigsten Mann im Staat gemacht hatte. Mit der Rückkehr des Schahs auf den Thron wurde die soeben eingeleitete Entwicklung des Iran von einem feudalen, halbkolonialen Agrarstaat hin zu einer aufgeklärten und laizistischen Industrienation jäh abgeschnitten. Er bedeutete das Ende der iranischen Demokratie und den Beginn eines Regimes, das sich, gestützt von der »freien Welt«, auf Folter und Mord gründete.
Koloniale AusbeutungSeit ihren Anfängen 1901 lag die Ölförderung in Südpersien in britischer Hand. Zwischen der 1909 gegründeten Anglo-Persian Oil Company (seit 1935: Anglo-Iranian Oil Company, AIOC, später umbenannt in BP) und der iranischen Regierung kam es immer wieder zu Streitigkeiten, u.a. weil der iranische Gewinnanteil nie korrekt berechnet und in voller Höhe ausgezahlt wurde. Ein 1933 unter Schah Reza Khan Pahlevi, einem früheren Kosakenoffizier, ausgehandelter Vertrag stellte zwar das Land materiell etwas besser, konsolidierte jedoch die Position der Briten. Seine strategisch günstige geographische Lage und die gestiegene Bedeutung des Öls in Kriegszeiten veranlaßten die Alliierten 1941, das Land zu besetzen. Schah Reza Khan, der mit Hitler sympathisiert hatte, wurde zur Abdankung gezwungen und durch seinen Sohn Mohammed Reza ersetzt. Vermittels ihrer Aktienmehrheit an der AIOC, dem größten Konzern auf iranischem Staatsgebiet, behielten die Briten auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Kontrolle über die iranischen Ölfelder. Im Verhältnis zum Gewinn, den die AIOC mit der Ausbeutung des iranischen Öls machte, war der Teil der Rendite, der an den Iran als Konzessionsgeber zurückfloß, verschwindend gering. Allein im Jahr 1950 erzielte die Gesellschaft einen Profit von 180 bis 200 Millionen Pfund. Davon erhielt der Iran gerade einmal 16 Millionen, also nur knapp neun Prozent, als Anteil und Steuern. Während die Briten Milliarden Einkünfte aus dem iranischen Erdöl verzeichneten, fehlten dem Land wichtige finanzielle Mittel für die Entwicklung, und der Großteil der Iraner vegetierte am Existenzminimum dahin. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung über die Ausplünderung ihres Landes durch die Briten wurde daher immer lauter, zumal sich die AIOC in Verhandlungen strikt weigerte, ihre Gewinne aus dem Ölgeschäft in dem von iranischer Seite geforderten Umfang zu teilen.
Aus den Wahlen zum Majlis, dem iranischen Parlament, ging die 1949 gegründete Nationale Front (NF), eine nationalliberale Sammlungsbewegung unter Führung des Rechtsanwalts Dr. Mohammed Mossadegh, als stärkste Oppositionspartei hervor. Die NF trat für das Frauenstimmrecht ein und forderte vehement eine Verstaatlichung der AIOC.
Nachdem am 7. April Ministerpräsident Haj-Ali Razmara von islamischen Fanatikern ermordet worden war, wählte das Parlament Mossadegh am 30. April 1951 mit großer Mehrheit zum Ministerpräsidenten. Bereits am 15. März hatten Parlament und Senat einstimmig das Gesetz zur Verstaatlichung der gesamten Erdöl- und Erdgasindustrie gebilligt, das ein Ausschuß unter Mossadeghs Vorsitz ausgearbeitet hatte. Am 1.Mai traten die Verstaatlichungsgesetze in Kraft; der AIOC wurden Verhandlungen über eine angemessene Entschädigung angeboten. Dieser legitime Akt staatlicher Souveränität versetzte die britische Labour-Regierung, die selbst im eigenen Land zahlreiche wichtige Industriezweige verstaatlicht hatte, in Rage. In Protestnoten bezeichnete sie die Nationalisierung als einen einseitigen Vertragsbruch. Abgesehen von der zweifelhaften Gültigkeit dieses Vertrages, der unter Druck zustande gekommen war, entbehrte die Intervention Londons auch deshalb jeder Berechtigung, weil sich die AIOC »nie an die Bestimmungen des Vertrages gehalten und ihn somit laufend gebrochen hatte.« (Bahman Nirumand)
Begehrlichkeiten der USAMit einem provokatorischen Aufmarsch der britischen Marine vor der Küste von Abadan und einer umfassenden Wirtschaftsblockade versuchte London, Teheran zum Einlenken zu bewegen. Schon am 5. Juli 1951 hatte Großbritannien beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag eine einstweilige Verfügung gegen die Nationalisierung der AIOC erwirkt. Mit der Begründung, die Verstaatlichung sei eine innere Angelegenheit des Iran, lehnte die Mossadegh-Regierung die Annahme dieses Beschlusses ab und erklärte den Gerichtshof für nicht zuständig, zumal eine angemessene Entschädigung der bisherigen Besitzer geplant war. Am 22. Juli 1952 schloß sich der Internationale Gerichtshof der Auffassung der iranischen Regierung an. Dieser Gerichtsbeschluß und Mossadeghs leidenschaftliche Rede in Den Haag trugen viel zur Stärkung seiner Position im Iran bei.
In der Hoffnung auf Beistand gegen die koloniale Ausbeutung durch die Briten hatte Mossadegh zunächst eine US-freundliche Politik betrieben. Und auch in den USA begegnete man dem populären Verfechter iranischer nationaler Souveränität lange Zeit mit Sympathie – das Time Magazine kürte ihn 1951 gar zur »Person of the Year«. Der beginnende Kalte Krieg und der zunehmende Ölbedarf der amerikanischen Wirtschaft hatten den Iran ins Blickfeld der US-Interessen gerückt. So unterstützten die USA anfangs die Kräfte im Iran, die gegen den britischen Einfluß opponierten. Als sich jedoch mehr und mehr zeigte, daß es nicht gelingen würde, Mossadegh vor den Karren der amerikanischen Nahost-Interessen zu spannen, wuchs die Befürchtung, das iranische Beispiel könnte im gesamten Nahen Osten Schule machen. Mehr und mehr betrachtete nun auch die US-Führung die von Mossadegh repräsentierte Bewegung als ernsthafte Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Interessen in der Region. Die Nähe zur Sowjetunion verlieh der Frage, wer den Iran regierte – auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges– zusätzliche Brisanz.
Daher schloß sich die Truman-Regierung auch dem von der AIOC und der britischen Regierung initiierten Boykott iranischen Öls an – eine Maßnahme, die durchaus den Interessen der US-Ölkonzerne entsprach. Das machte es dem Iran, der nicht über genügend einheimische Techniker zum Betrieb der Anlagen verfügte, so gut wie unmöglich, das Öl auf eigene Rechnung zu transportieren und zu verkaufen. Noch widerstand Washington allerdings dem wachsenden Drängen Londons nach einem gewaltsamen Vorgehen.
Trotz der infolge des Boykotts eingetretenen schweren Wirtschaftskrise war Mossadeghs Popularität in der Bevölkerung ungebrochen, und er wurde bei den Wahlen 1952 in seinem Amt bestätigt. Die Zuspitzung der Krise veranlaßte ihn, vom Schah weitere Notstandsrechte einzufordern. Dieser weigerte sich aber, der Regierung die Kontrolle über die Armee und das Kriegsministerium zu übertragen, und Mossadegh trat als Ministerpräsident zurück. Sein Amtsnachfolger Ahmed Qavam Saltaneh erklärte sofort, Verhandlungen mit Großbritannien aufnehmen zu wollen, um den Boykott zu beenden, was massive Proteste von Anhängern der Tudeh-Partei (TPI) wie auch der von Ayatollah Kashani geführten islamisch-fundamentalistischen Kräfte hervorrief. Schon nach weniger als einer Woche entließ der Schah Qavam wieder aus dem Amt und beauftragte Mossadegh erneut mit der Regierungsbildung. Nun übertrug er ihm auch die Kontrolle über das Militär. Parlamentspräsident wurde Ayatollah Kashani. Dessen Anhänger und die Tudeh-Partei wurden nun, obwohl das Verhältnis keineswegs reibungsfrei war, zu Mossadeghs wichtigsten Unterstützern.
Putschpläne des Westens
»Ein Tag, der nie hätte vergehen sollen« (CIA-Putschorganisator Donald N. Wilber): Demonstranten und Panzer mit schahtreuen Truppen in den Straßen von Teheran am 19.8.1953 (Foto: DPA)
Im Januar 1953 zog Dwight D. Eisenhower als neuer US-Präsident ins Weiße Haus ein. Der Exgeneral, während des Zweiten Weltkriegs Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, zeigte sich dem britischen Drängen gegenüber aufgeschlossener als sein Vorgänger, zumal sich die Fronten von Monat zu Monat verhärteten und ein Einlenken der iranischen Regierung immer unwahrscheinlicher wurde. Das Erstarken der Tudeh-Partei schien die von London an die Wand gemalte Gefahr, der Iran könne in den »Sog des Kommunismus« geraten, zu bestätigen. Die zunehmende Präsenz der TPI in der Öffentlichkeit verschreckte auch die Verbündeten Mossadeghs im Iran: den Schah, die Geistlichen und den Adel. Die sozialistisch orientierte Bodenreform, die Mossadegh in Aussicht stellte, trug ihm besonders die Feindschaft der Latifundienbesitzer ein, von denen viele mit Sitzen im Senat vertreten waren.
Als Reaktion auf die Obstruktionspolitik der Opposition hatte Mossadegh inzwischen den Senat aufgelöst und sich vom Parlament besondere Vollmachten geben lassen. Am 24. Februar erklärte sich der von Mossadegh mittels einer Pressekampagne unter Druck gesetzte Schah bereit, das Land zu verlassen. Damit machte sich Mossadegh allerdings einige seiner bisherigen Anhänger, vor allem den einflußreichen Ayatollah Kashani, zu erbitterten Feinden. Kashani organisierte in der Folge royalistische Demonstrationen und wiegelte mit seinen Anhängern die Massen gegen Mossadegh auf.
Die Position des iranischen Ministerpräsidenten schien geschwächt, sein Sturz und seine Ersetzung durch eine den Interessen der »freien Welt« zugänglichere Persönlichkeit praktikabel. Laut einem internen CIA-Bericht, der im März 1954 von Dr. Donald N. Wilber (einem der Organisatoren des Putsches) verfaßt wurde
*, unterbreitete der britische Geheimdienst Ende 1952 der CIA einen entsprechenden Vorschlag. Seit Februar 1953 arbeiteten die Geheimdienste beider Länder an der Operation »TP-Ajax«. Im April 1953 bewilligte CIA-Chef Allen W. Dulles eine Million Dollar für Ausgaben, die »in irgendeiner Weise zum Sturz Mossadeghs führen«; im Mai und Juni nahmen die Putschpläne konkrete Form an. Am 11.Juli unterschrieb Präsident Eisenhower den fertigen Plan. Die Überwachung der Operation wurde dem für den Nahen Osten und Afrika verantwortlichen CIA-Agenten Kermit Roosevelt übertragen, der bald darauf im Iran eintraf. In dem Armeegeneral a. D. Fazlollah Zahedi, einem früheren Senator und Innenminister, der das Vertrauen des Schahs besaß, fand man die geeignete Galionsfigur. Der General, während der Besatzungszeit als Nazianhänger von den Alliierten inhaftiert, hatte bereits im Februar einen Staatsstreich gegen Mossadegh zu inszenieren versucht.
Geschürte AngstDie Hauptschwierigkeit bestand darin, den zaudernden Schah zur Beteiligung an dem Coup zu überreden. Die CIA bediente sich hierbei u.a. der Hilfe eines alten Schah-Freundes, General H. Norman Schwarzkopf (Vater des Oberkommandierenden im ersten Golfkrieg). Roosevelt hielt dem Schah vor, wenn er nicht handele, so könne »dieses Versagen nur zu einem kommunistischen Iran oder einem zweiten Korea führen«, so Wilber. Anfang August lief die Operation an. Schon zuvor hatte die CIA damit begonnen, auf den Straßen Teherans sogenannte graue Propaganda, darunter Anti-Mossadegh-Karikaturen, zu verbreiten und »ungünstige Artikel in die Lokalpresse zu lancieren«. Nun ging man noch einen Schritt weiter: CIA-Agenten, die sich als Kommunisten ausgaben, drohten moslemischen Führern »drakonische Strafen an, wenn sie gegen Mossadegh auftraten«. Dem Bericht Wilbers zufolge setzten außerdem als Kommunisten agierende CIA-Agenten das Haus wenigstens eines prominenten Klerikers in Brand. Ziel dieser schmutzigen Kampagne war ganz offensichtlich, den geplanten Putsch als Reaktion auf einen kommunistischen Umsturzversuch darzustellen– eine Strategie, derer sich bereits die Nazis bei ihrer Machtübernahme 1933 bedient hatten.
Trotz des Boykotts der Opposition, die jede parlamentarische Arbeit unmöglich machte, zögerte Mossadegh lange, das Parlament aufzulösen. Zahlreiche Abgeordnete seiner Partei traten daraufhin aus Protest zurück. Ende Juli war der Majlis nicht mehr beschlußfähig, und Mossadegh entschloß sich, dem Volk die Frage nach der Auflösung des Parlaments in einem Referendum vorzulegen – die Vorlage wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die Auflösung des Majlis am 10. August nutzten Washington und London sogleich, um Mossadegh vor der Weltöffentlichkeit des Bruchs demokratischer Spielregeln und der Komplizenschaft mit den Kommunisten zu bezichtigen. Ein amerikanisches Eingreifen sei daher eine Notwendigkeit, um die Demokratie im Iran zu erhalten.
Der UmsturzZunächst sah alles nach einem Scheitern des Putsches aus, den die Verschwörer auf den 15. August angesetzt hatten. Mossadegh erfuhr von den Plänen und ließ die Schah-treuen Sicherheitskräfte, die ihn verhaften sollten, festnehmen. Über Radio Teheran gab er am nächsten Tag bekannt, der geplante Putschversuch gegen ihn sei unterbunden worden. In Teheran und in allen größeren Städten des Landes fanden nun Demonstrationen und Sympathiekundgebungen für Mossadegh statt, doch dieser verzichtete darauf, die Bevölkerung zu mobilisieren. Die Tudeh-Partei drang auf die Proklamation der Republik. »Zweifellos war dies das Gebot der Stunde« (Bahman Nirumand), doch auch dazu konnte sich Mossadegh nicht entschließen. Der Grund hierfür dürfte in Differenzen zwischen dem auf strikte Neutralität bedachten Ministerpräsidenten und der stark von Moskau abhängigen TPI zu suchen sein. Obwohl sie programmatisch in vielen Punkten mit der Nationalen Front übereinstimmte, denunzierte die TPI die Mossadegh-Regierung öffentlich als Handlanger der Imperialisten, die das Volk nur täuschen wolle. Während Mossadegh die gesamte iranische Ölindustrie nationalisieren wollte, forderte die TPI, die Konzession für die nördlichen Ölquellen an die Sowjetunion zu vergeben. Als die Angriffe monarchistischer und klerikaler Kräfte gegen Mossadegh zunahmen und sich abzuzeichnen begann, daß Briten und Amerikaner an einem Sturz der Regierung arbeiteten, unternahm die TPI nichts, um dem zuvorzukommen. Zwar erklärte sie, im Falle eines Putsches den bewaffneten Kampf zur Etablierung einer demokratischen Republik aufzunehmen, aktivierte aber ihre paramilitärischen Kampfverbände selbst dann nicht, als promonarchistische Truppen die Macht übernahmen. (Eine ähnlich unheilvolle Politik sollte die Tudeh-Partei später bei der »islamischen Revolution« praktizieren, wo sie zum Teil aktiv an den »Säuberungen« durch das klerikale Khomeini-Regime mitwirkte).
Der Schah, der das Land gemeinsam mit Kaiserin Soraya fluchtartig in Richtung Irak verlassen hatte (von wo aus er nach Rom weiterflog), gab schließlich von Bagdad aus bekannt, daß er Mossadeghs Entlassungsurkunde unterzeichnet und General Fazlollah Zahedi zum neuen Regierungschef ernannt habe. An dieser Stelle kam nun ins Spiel, was anläßlich zukünftiger Militär- und Undercover-Aktionen immer weiter perfektioniert werden sollte: die Manipulation der Medien. Die CIA versuchte zunächst über Associated Press die Meldung von Mossadeghs Entlassung und Zahedis Ernennung verbreiten zu lassen. Als der erhoffte Erfolg ausblieb, zeigte ein als Pressesprecher der US-Botschaft getarnter CIA-Agent dem Reporter der New York Times in Teheran die vom Schah unterzeichneten Papiere – und der machte daraus prompt einen Artikel. Die monarchistischen Kräfte gingen nun zum Gegenangriff über. Ein Religionsführer aus Teheran wurde dem US-Journalisten James Risen zufolge in die heilige Stadt Ghom entsandt, wo er »zum heiligen Krieg gegen den Kommunismus« aufrief. Am Morgen des 19. August schritt die Armee zur Tat. »Schon um 10.15 Uhr befanden sich auf allen größeren Plätzen ganze Lastwagen voller Anhänger des Schahs aus dem Militär«, schreibt Wilber. Kurz nach Mittag fiel das zentrale Telegrafenamt. In das ganze Land gingen Telegramme, die zur Unterstützung des Schahs aufriefen. Am frühen Nachmittag eroberte die Armee die Radiostation Teheran, so daß die Putschisten ihren Sieg über Rundfunk verbreiten konnten. »Es war ein Tag, der nie hätte vergehen sollen«, schreibt Wilber. »Denn er war von solcher Begeisterung, Befriedigung und einem solchen Jubel erfüllt, daß ihm kaum ein anderer gleichkommen dürfte.«
Die Mitglieder der Regierung Mossadegh und der Nationalen Front wurden vor Gericht gestellt, Tausende ihrer Anhänger in die Gefängnisse geworfen. Mossadegh selbst wurde ebenfalls verhaftet und später des Hochverrats angeklagt. Man verurteilte ihn zu drei Jahren Einzelhaft und lebenslänglichem verschärften Hausarrest. Sein Außenminister Hossein Fatemi wurde nach seiner Gefangennahme mißhandelt, schwer verletzt vor Gericht gestellt und bald darauf hingerichtet. Dem früheren Justizminister wurden bei Folterungen die Augen herausgerissen und weitere schwere Verletzungen beigebracht. Er starb im Gefängnis. Auch die Tudeh-Partei wurde weitgehend zerschlagen, Hunderte Kommunisten ermordet, zahlreiche Professoren, Studenten u.a. Oppositionelle landeten in den Gefängnissen des Regimes.
US-Stützpfeiler in NahostIhre Rolle beim Sturz Mossadeghs trug wesentlich zur Reputation der CIA bei. Entscheidenden Anteil hatte der Dienst auch im folgenden Jahr beim Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung von J. Arbenz Guzmán in Guatemala, wodurch »sich der Mythos entwickelte, die Agentur könne Regierungen überall in der Welt stürzen« (Risen).
Hätte Mossadegh einen Erfolg der Putschisten verhindern können? Rückblickend bleibt festzuhalten, daß der Ministerpräsident den Kräften, die systematisch auf seinen Sturz hinarbeiteten, viel zu viel Spielraum ließ. So verzichtete er etwa darauf, die Initiatoren und Drahtzieher in den Reihen des Klerus und der Monarchisten gerichtlich verfolgen zu lassen. Damit hatten seine Gegner, die Hand in Hand mit der CIA zusammenarbeiteten, leichtes Spiel. Obwohl er die Rolle des Volkes richtig erkannt hatte, versäumte es Mossadegh, die Massen für seine Ideen zu gewinnen, und richtete seine Appelle statt dessen vornehmlich an das städtische Bürgertum und die Intellektuellen. Ein Fehler war es außerdem, daß er die bereits angekündigte Bodenreform zur Beendigung des jahrhundertealten Feudalsystems zurückstellte, weil er innere Unruhen vermeiden wollte.
Hatte der Schah die parlamentarische Verfassung bis dahin respektiert, so entwickelte er nun immer ausgeprägtere diktatorische Züge und agierte vollständig als Marionette Washingtons. Die Verstaatlichung der iranischen Erdölindustrie wurde faktisch revidiert, der Iran zu einem zentralen Stützpfeiler der US-Strategie im Nahen Osten ausgebaut. Die Segnungen der »freien Welt« in Form von Luxusgütern, Auslandsreisen etc. kamen nur einer kleinen korrupten Oberschicht zugute, während der Großteil der Bevölkerung immer weiter verelendete. Die verhaßte Geheimpolizei des Schah, die SAVAK, die Verschleppungen, den Mord und die Folter Tausender auf dem Gewissen hat, wurde von US-Beratern ausgebildet. 1977, zwei Jahre bevor das Schah-Regime von einer Volkserhebung beseitigt wurde, schätzte Amnesty International die Zahl der inhaftierten Regimegegner auf 100 000.
Eine Entschuldigung der USA gegenüber dem iranischen Volk blieb naturgemäß aus. Erst die um eine Annäherung an den Iran bemühte Clinton-Regierung räumte offiziell die Rolle der USA beim Putsch von 1953 ein. In einer Rede zur Aufhebung des Importverbots für iranische Luxusgüter am 17. März 2000 erklärte die damalige Außenministerin Madeleine Albright, der Putsch sei »ein eindeutiger Rückschlag für die politische Entwicklung des Iran« gewesen. »Und man kann leicht einsehen, weshalb viele Iraner bis heute diesen Eingriff Amerikas in ihre inneren Angelegenheiten verabscheuen.«
Mit ihrem gegenwärtigen Eskalationskurs gegenüber dem Iran und der »islamischen Welt« demonstriert die amtierende US-Regierung, was derartige Einsichten der kapitalistischen Führungsmacht wert sind.
* Die geheime Geschichte des Putsches wurde »der Times von einem ehemaligen Beamten zur Verfügung gestellt, der eine Kopie für sich behalten hatte«, so James Risen, der darüber in der
New York Times am 16. April und 18. Juni 2000 eine Artikelserie veröffentlichte.
Von Alexander Bahar__________________________________________________________
Quelle: Junge Welt
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