
Der Weizer Stephan Pieber träumte seit seinem 16. Lebensjahr davon, in den Iran zu reisen. Mit 18 machte er seinen Traum zum ersten Mal wahr.
Herr Pieber, wie ist es zu Ihrem Interesse an einer Reise in den Iran gekommen?STEPHAN PIEBER: Mit 13 Jahren habe ich begonnen, mich sehr für Religionen und im Besonderen für den Islam zu interessieren. Mit 16 wollte ich dann zum ersten Mal in den Iran reisen, wegen der sehr geschichtsträchtigen persischen Kultur. Vor zwei Jahren fand ich dann eine E-Mail-Freundin aus dem Norden des Landes, was mein Interesse noch gesteigert hat. Als ich 18 Jahre war und genug gespart hatte, habe ich dann die erste zweiwöchige Reise gebucht.
Sie sind allein losgefahren?PIEBER: Eigentlich wäre es eine Gruppenreise mit 15 Personen gewesen, aber viele hatten wegen den aktuellen politischen Spannungen Angst davor, den Iran zu besuchen. Ich hab mich davon nicht beeindrucken lassen und war somit der einzige Reisende. Begleitet wurde ich nur von einem Reiseleiter.
Was ist Ihnen als Erstes aufgefallen, als Sie aus dem Flugzeug gestiegen sind?PIEBER: Das Erste, was mir aufgefallen ist, schon am Flughafen, war die ausgesprochene Freundlichkeit der Menschen. Bei meiner zweiten Reise war ich größtenteils bei Familien untergebracht und merkte dann auch, wie extrem gastfreundlich die Leute im Iran sind. So freundlich bin ich noch nie irgendwo aufgenommen worden.
Welche kulturellen Unterschiede haben Sie noch bemerkt?PIEBER: Mir ist schnell aufgefallen, dass die Sitten zwischen Mann und Frau viel strenger sind als bei uns. Zum Beispiel gibt es in der Öffentlichkeit keinen Körperkontakt. Das ist eben auf die andere Kultur zurückzuführen, die man akzeptieren sollte.
Hatten Sie auf Ihren Reisen irgendwelche Probleme wegen Ihrer westlichen Herkunft?PIEBER: Überhaupt nicht. Die Iraner sind unserer europäischen Kultur gegenüber sehr aufgeschlossen und interessiert - nicht nur die Jüngeren. Während meiner beiden Reisen hatte ich keinerlei negative Erfahrungen mit den Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Mein Fremdenführer kannte viele Leute von der Regierung und vom Außenministerium und konnte dafür sorgen, dass ich die Motahari Medrese besuchen durfte, die Ausbildungsstätte der geistigen Führung des Irans. Dort konnte ich mit einem Geistlichen reden. Dieser hatte kein schlechtes Bild von den Bürgern im Westen. Die Iraner unterscheiden zwischen dem Volk und der Politik der westlichen Regierungen.
Wie sieht es denn mit der Meinungsfreiheit aus?PIEBER: Komplette Meinungsfreiheit ist im Iran nicht gegeben, aber man ist nicht von der Außenwelt abgeschnitten und kann sich über verschiedenste Medien objektiv informieren.
Wie geht es den Christen im Iran?PIEBER: Ich habe auch eine christliche Kirche besucht, in der Stadt Urumieh gibt es über 140 davon.
Wie sehen Sie die Rolle der Frau in der iranischen Gesellschaft?PIEBER: Ich glaube, Frauen sind im Iran keineswegs benachteiligt oder Bürger zweiter Klasse, wie viele hier denken. Der Bildungsgrad der Frauen im Iran ist sehr hoch, mehr als zwei Drittel der Studenten sind weiblich. Auch die Verschleierung der Frauen ist nicht so streng, wie man bei uns glauben mag. Viele kleiden sich sehr westlich, andere tragen die Tschador und verschleiern sich ganz. Ich hab mit einigen Frauen darüber gesprochen, ob sie sich durch die Verschleierung eingeschränkt fühlen, aber meist war die Antwort, wie würden das einfach als Teil ihrer Religion und Kultur betrachten.
Sie wurden von einer iranischen Tageszeitung interviewt und gefragt, wie die Stimmung in Europa gegenüber dem Islam ist. Was haben Sie geantwortet?PIEBER: Bei den westlichen Medien vermisse ich oft die Objektivität in Berichten über den Iran. Vieles wird falsch dargestellt und Unwahrheiten werden verbreitet. Zum Beispiel im Bezug auf die Frauenrechte. Seit dem 11. September sei die Stimmung gegenüber dem Islam in Europa allgemein sehr schlecht, viele setzten ihn mit Terrorismus gleich. Aber ich sehe keinen Platz für Terrorismus im Islam, genauso wie die meisten Muslime.
Könnten Sie sich vorstellen, für immer in den Iran zu ziehen?PIEBER: Ich könnte mir vorstellen, für einige Zeit im Iran zu arbeiten. Schade, dass so wenige Leute wissen, wie schön das Land ist!
Interview: Johannes Zeller__________________________________________________________
Quelle: Kleine Zeitung
(pi)