
Ruinen von Persepolis: Alexander der Große besiegte 333 v. Chr. Perserkönig Darius III. und zerstörte seine Paläste. (Foto: Heidemarie Blankenstein)
Hartmut Blankenstein war deutscher Botschafter im Oman. Die Rückreise nach Berlin führte ihn auf ein Terrain, das kritisch im Fokus westlicher Medien steht. Seine Frau machte sich Alltagsskizzen.Freunde und Familie konnten es nicht fassen: Was denn, quer durch den barbarischen Iran? Ein Land kriegsversessener Fundamentalisten, mit Wegelagerern, korrupten Beamten, feindseligen Menschen? Mit miserablen Unterkünften entlang schlechter Straßen? Nun, was die Straßen betrifft, haben wir einen neuen Diesel, der wird uns schon nicht im Stich lassen. Und doch sind selbst wir, die wir uns von Berufs wegen in der muslimischen Welt auskennen, nicht unbeeindruckt von westlichen Medien, die seit dem Sieg der islamischen Revolution vor 27 Jahren nichts Gutes am iranischen Staat lassen.
Der Abschied vom omanischen „Islam light“ ist uns schwergefallen. Die letzte Station im Auftrag deutscher Diplomatie liegt über Heck hinter dem Horizont. Unsere Fähre, die „Hormus 12“, stampft durch die gleichnamige Meerenge zwischen dem nördlichen Oman und dem südlichen Iran. Nach Mitternacht gehen alle Lichter aus. Was nun? Sorge weicht der Schicksalsergebenheit – Alhamdulilah! Auf offener See schenkt erst die Lichtlosigkeit einen atemberaubenden Sternenhimmel.
Die Passagierräume sind angenehm kühl, die Sitzreihen bunt bezogen. Gleich neben den Rettungswesten das Porträt des großen Imams Ajatollah Ruhollah Chomeini, einziger Mann im Frauenabteil. Hinter dem blickdichten Vorhang der diskrete Platz für das regelmäßige Gebet.
Eine fahle Morgensonne beleuchtet die Meeresstraße von Hormus, wichtiges Nadelöhr für Öltransporte nach Westen. Tief unten spielen Delphine, schwirren fliegende Fische. Maritime Eintracht, bei der es Mühe macht, sich der fatalen Bedeutung dieses Wasserweges zu erinnern: Ein schwacher Irak musste 1971 zusehen, wie Schah-Truppen hier drei Inseln besetzten. Dem folgenden achtjährigen Krieg fielen mehr als 400000 Menschen zum Opfer.
Hand aufs HerzVon Bandar Abbas sehen wir zuerst Berge von Melonen – zwei Millionen Tonnen exportiert der Iran jährlich. Der Hafen, eine sehr modern ausgebaute Anlage. Ein Fischernest einst, ein von Holländern genutzter, später englischer Handelsstützpunkt. „Heute“, sagt der Erste Offizier, „Irans wichtigster Hafen. Unsere Bodenschätze, unsere Rohstoffe und Agrarprodukte werden über diesen Hafen exportiert. Vor allem gehen aber auch unsere kostbarsten Teppiche über Bandar Abbas in die Welt.“ Er legt seine Hand aufs Herz, verneigt sich, sagt „Khosch Amadid“, willkommen – der formvollendete iranische Gruß.
Wir sind guter Dinge, doch soll uns dieser heiße Ort fünf Stunden Zeit, Nerven und viel Schweiß kosten. Ob hier jemals ein deutsches Ehepaar aus dem Oman mit einem Pkw angelandet ist? Obwohl wir alle Papiere korrekt vorweisen können, sind die Grenzformalitäten weitaus umfangreicher als die Maßnahmen einer deutschen Kfz-Zulassungsstelle. Die Wege von einem Dokument zum anderen sind uns unverständlich. Neun Stempel werden verlangt, von jedem eine Fotokopie. Vor dem einzigen Kopiergerät steht eine Schlange von Lastwagenfahrern. Auch ein Gottesstaat hat Grenzen.
Bevor die Beamten sich anschicken, zur Mittagspause zu gehen, inspiziert ein allerletzter Zöllner unser Auto. Und er findet etwas – eine deutsche Zeitung, die unter dem Titel „Was ist männlich?“ einen entblößten Mann zeigt! Für iranische Augen höchst unanständig und streng verboten. Während der Zöllner die Zeitung unentschlossen dreht und wendet, hämmern mir die Warnungen der Freunde durch den Kopf: „Auf Unzucht und Verletzung der Kleiderordnung steht Prügelstrafe!“ Wir können aufatmen: Der Staatsbeamte reißt die fragliche Seite heraus, nimmt sie mit, wünscht lächelnd gute Fahrt.
Bandar Abbas – hitzegetränktes Ocker sonnengeplagter Lehmziegel, Wüstensand auf leeren Straßen, Fensterläden, hinter denen Menschen ruhen, schlanke Minarette, von denen herab der Muezzin Allah preist. Eilig verlassen wir die Stadt. 685 Kilometer liegen vor uns. Wir folgen dem zweispurigen Asphaltband, überstehen Sandstürme, passieren steile Gebirgsstrecken. Wir verschwinden in Tunnels, und aus mancher Dunkelheit öffnet sich der Blick auf grüne Ebenen mit weidenden Rindern. Gelbe, braune, rote, grüne Landschaften wechseln in schneller Folge – der große Malkasten der Elementarfarben.
„Wir sind in Schiras.“ Diesen Satz zu wiederholen ist voller Reiz. Wir fühlen uns im Herzen der persischen Kultur angekommen, denn Schiras steht für Bildung, für Poesie, Liebe, Rosen, Nachtigallen. Und Wein. „Welches Getränk darf ich servieren? Säfte, Wasser, alkoholfreies Bier, Coca-Cola?“, fragt der Ober im Hotel. Den berühmten Wein in der Stadt der Schiras-Traube offeriert er nicht. Sollte sie ihren Siegeszug um die Welt angetreten haben, ohne dass man sie am Ursprungsort trinken kann? Wir erfahren, dass die Traube von Agrarwissenschaftlern der Universität kultiviert wird, sehen kilometerweite Anbaugebiete, aber als Wein ist die Traube im Iran verbannt. Dabei pflegten persische Dichter Lobeshymnen auf ihren Wein zu singen: „Wenn nicht der Wein den Herzenskummer aus meiner Erinnerung trüge, würde der Schreck über die Ereigniswelt das Fundament meines Daseins davontragen. Trink Wein, diese Arznei bringt Erleichterung und vertreibt fehlgehendes Übel. Hafis hat heuchlerischer Askese abgeschworen.“
So steht es geschrieben im „Diwan von Hafis“, einer Ghaselen-Sammlung des Lyrikers Khadje Schams-ud-Din Mohammed, mit Beinamen Hafis, „der Bewahrende“. Der hatte seine Provinz Fars zwar verlassen, doch sein Ruhm war schon zu seinen Lebzeiten bis nach Indien, Byzanz, Samarkand, Kleinasien und China gedrungen, aber erst 1814 nach Deutschland durch die Übersetzung des österreichischen Diplomaten Joseph von Hammer. Auf Goethe hat Hafis so stark gewirkt, dass dieser 1819 mit seinem „West-östlichen Diwan“ eine romantische Wende im Lebenswerk vollzog.
Überaus romantisch geht es in Schiras an Hafis’ Grabstätte zu. Wenn es so etwas wie einen Wallfahrtsort für glücklich oder unglücklich Verliebte gibt, dann liegt er hier, im südlichen Iran. Aber auch heimliche Opponenten erhoffen hier Trost und Stärkung. Der Poet ist seit mehr als 600 Jahren tot, doch Hafis' Wort lebt, ist zuweilen kultiger als der Koran. Des Dichters Marmorsarkophag steht unter einem hohen Achatgewölbe, von acht schlanken Säulen gestützt, umgeben von blühenden Orangenbäumen, duftenden Rosensträuchern und kühlen Brunnen. In schlanken Zypressen erheben Nachtigallen ihre Stimmen zu Hafis’ Ehren.
Kein anderer Ort in der streng islamischen Welt auch, wo sich Paare nicht scheuen, öffentlich zarte Zuneigung zu zeigen. Zu Hunderten nähern sie sich respektvoll dem Grab, knien nieder, legen andächtig ihre Hände auf den Schrein und lesen einander leise Hafis’ Verse vor. Manche Mädchen wagen sogar, ihre Kopftücher kokett nach hinten zu schieben, sodass schicke Frisuren sichtbar werden.
Der Weg zum Teehaus führt an einem Bau vorbei, vor dem eine endlose Reihe von Frauen steht. Da sind sie wieder, jene trauertragenden Schemen, die das Bild des Iran ernst und irreal machen. Sie warten auf Einlass zum Theater. Heute wird eine Sängerin auftreten, da sind Männer nicht erlaubt. „Die Künstlerin könnte erotisierend auf sie wirken“, erklären zwei junge Begleiterinnen. Sie studieren englische Literatur in Schiras. Solche Prüderie ist nicht zu verstehen. Während wir in unserem Tee rühren, befinden wir uns hinter einem Vorhang, vor Männerblicken geschützt. Mir verrutscht mein Kopftuch. Ich zupfe es zurecht. Anderen Frauen geht es ebenso. Im Iran gibt es immer wieder Momente, die mich erstaunen: Am Nebentisch halten Frauen das widerspenstige Tuch mit ihren Zähnen fest. „Was passiert, wenn ihr ohne Kopftuch auf die Straße geht?“ Sie schauen amüsiert. „Mit unbedecktem Haar aus dem Haus? Unmöglich! Wir wollen doch nicht im Irrenhaus landen. Dort würden wir auf unseren Geisteszustand untersucht. Und falls wir nicht als verrückt entlassen würden, müssten wir eine Geldstrafe zahlen.“
Ins Zentrum von Isfahan lassen wir uns vom endlosen Autostrom treiben und erreichen den Fluss Zayandehrud, der das Zentrum durchzieht. Sieben ockerfarbene Steinbrücken überspannen ihn. Keine europäische Stadt kann sich mit Isfahans Hauptplatz in Größe und Glanz messen. Im Mittelpunkt und doch in hoheitsvoller Isolierung liegt die kaiserliche Moschee, die Masjed Schah. Ihr Portal zieht den Fremden an wie eine geheimnisvolle blaue Grotte. Wir stehen unter dem gewaltigen Tor, sehen blaue Stalaktiten aus dem Gewölbehimmel stürzen – auf Wände, die mit blauer, grüner, gelber Glasur verziert sind. Sie stellen Blumen in harmonischer Verschlingung dar, feine Arabesken in allen Türkisschattierungen.
Hotel Abbasi, die romantischste Herberge des Iran, ein orientalischer Palast ohne große Zugeständnisse an westlichen Geschmack. Langsame Schritte durch den grandiosen Innenhof. Zwischen blühendem Hibiskus und duftenden Rosen gibt es „Asch-e-Barg“, die berühmte Isfahaner Kichererbsensuppe, dekoriert mit Zwiebeln, Minze und Sahne. Sie wird aus einer Art Gulaschkanone, graziös verziert, schwungvoll zugeteilt. In diesen noblen Garten sind viele Isfahaner Familien gekommen. Sie lassen es sich gut gehen, sitzen entspannt auf den Brunnenmauern, genießen die laue Abendluft, tuscheln und löffeln die dicke Suppe. Diesmal nicht nach Geschlechtern getrennt. Die Frauen tragen ihre volle dunkle Montur. Manche rücken näher: „Woher, wohin? Was denkt ihr über unser Land? Warum seid ihr die einzigen Ausländer hier?“ Zeit zum Ischa-Gebet, dem fünften des Tages. Der Muezzin ruft zur Nacht: „Allah ist der Größte! Allah wünscht, angebetet zu werden!“
Diesel? Nicht für PkwsNach Täbris, nahe der türkischen Grenze. Das sind 900 Kilometer durch Gebirge, Sand, verdorrtes Grünzeug. Tausende Lastwagen. Transportieren sie etwa Seide auf der Seidenstraße? Wohl alles – aber kaum Seide, sondern Matratzen, Melonen, Steine, Stahlrohre, Flaschen, Rinder, Zement, Kalk – auf schnurgerader Straße. Was wir dringend brauchen, ist eine Tankstelle. Das sollte im Land mit zehn Prozent der weltweiten Erdölreserven kein Problem sein. Da, eine Tankstelle! Diesel, Gasoil? „No, hier nicht, fahren Sie zwanzig Kilometer weiter, nach Meymeh.“ Dort versammeln sich staunende Lastwagenfahrer um unser Auto. Als wir es wagen, den Tank per Lkw-Stutzen zu füllen, trauen sie ihren Augen nicht. Denn im Iran gibt es keine Diesel-Pkws. Wir zahlen für 60 Liter 10000 Iran-Rial, das ist ein Euro.
Wir lassen wichtige Städte wie Qom, Teheran und Qazvin rechts liegen, bevorzugen die schmalen Straßen über Delijan, Saveh, Takestan, Zanjan, Mihaneh, Bostan Abad nach Täbris. Sobald wir Städte durchqueren, verwandeln sich die Landstraßen in breite Avenuen, gesäumt von blühendem Oleander, Hibiskus und Rosen. Hoch über den Blüten, die an den Laternen in Lampions hängen, fallen uns in jeder Stadt, in jedem Dorf Porträts junger Männer auf. Die Iraner nennen sie Märtyrer. Das traurige Kapitel des achtjährigen Krieges gegen den Irak wird an allen Hauptstraßen dokumentiert. Ajatollah Chomeini hatte Jugendliche ab 12 Jahren zu Soldaten gemacht. Viele von ihnen sind gefallen, als sie in vorderster Front über vermintes Terrain laufen mussten, um der Armee den Weg zu bahnen. Dafür erhielten sie einen Schlüssel aus Eisen und das Versprechen, der Schlüssel werde ihnen mit dem Tod den Himmel aufschließen.
An der Mautstelle Richtung Täbris: „Woher kommt ihr?“ Dann Lachen und gute Wünsche. Ein Land stellt sich dar. Jeder dieser Iraner ist ein Botschafter. Unsere Straße führt durch weite Täler, an moosgrünen Hängen, an Bächen, Flüssen, Obstgärten und bis zum Horizont sichtbaren Weinbergen vorbei. Kurz vor Bostan Abad geht dramatisch die Sonne unter. Sie ist so blutrot, als ob sie fern im Westen geschlachtet würde.

Nach diesem Naturschauspiel kommt die Silhouette der Millionenstadt Täbris in Sicht. Wir fühlen uns fast zu Hause wie in Berlin-Kreuzberg, denn hier wird Aseri gesprochen, die mit dem Türkischen verwandte Sprache der Aserbaidschaner. Ein Türkisch sprechender Iraner bietet seine Autowaschdienste an. Da Wasser teurer ist als Diesel, sind unsere Autoscheiben ziemlich undurchsichtig: „Geben Sie mir Ihre Schlüssel, ich kümmere mich darum!“ Im Fahrzeug befindet sich der größte Teil des Gepäcks. Wir zögern nicht und übergeben ihm die Schlüssel. Stunden später steht der Wagen blitzblank und ohne Verluste vor dem Hotel.
Der türkische Generalkonsul hat erfahren, dass wir in Täbris angekommen sind. Er lädt uns in seinen Garten zum Mittagessen ein. Seine kleine grüne Oase ist von Hochbauten umstanden. „Halbfertige Eigentumswohnungen. Die Iraner investieren nicht mehr, sie halten ihr Geld fest, damit sie im Fall eines amerikanischen oder israelischen Angriffs mit ihren Ersparnissen fliehen können“, erklärt der Konsul bitter. Uns wird die Pause bei ihm süß. Der Weg von Täbris zur türkischen Grenze steht bevor, auf der alten Karawanenstraße von China über Persien zum Mittelmeer. Eine Reise dauerte damals acht Jahre. Quer durch den Iran haben wir nur acht Tage gebraucht.
Von Heidemarie Blankenstein, Schiras_________________________________________________________
Quelle: Rheinischer Merkur
(pi)