
Die 23jährige Diktatur eines der brutalsten Despoten der Welt ist im Morgengrauen des 31. Dezember zu Ende gegangen. Der Diktator von Bagdad war schließlich mit Hilfe jener zu Fall gebracht worden, die ihn etwa ein Jahrzehnt, in den 80er Jahren bis zu seinem Überfall auf Kuwait im August 1990, massiv unterstützt hatten.
Das laizistisch-sozialistische Baath-Regime im Irak war bis Ende der 70er Jahre tendenziell pro-sowjetisch orientiert. Der Irak gehörte nach dem israelisch-ägyptischen Friedensvertrag (Camp David) von 1978 zu den führenden Frontstaaten gegen Israel in der arabischen Welt und somit ebenfalls zu den USA feindlich gesinnten Ländern der Dritten Welt. Die Situation änderte sich im Zuge des Sturzes der Monarchie im Nachbarland Iran und des Sieges der Islamischen Revolution unter Führung des Ayatollah Khomeini. Das neue, von den schiitischen Geistlichen dominierte Regime in Teheran startete sehr schnell eine expansionistische Offensive, die den Export der islamischen Revolution als Mittel zum Fall der unislamischen prowestlichen Regierungen in der islamischen Welt zum Ziel hatte. Die extrem antiwestliche und vor allem antiamerikanische Ausrichtung des neuen Teheraner Regimes, deren Höhepunkt in der Besetzung der US-Botschaft im November 1979 und der Geiselnahme der Botschaftsangehörigen mündete, beschwor eine neue feindselige Außenpolitik des Westens gegenüber dem Mullah-Regime in Teheran. Um der Expansion des Khomeinismus am Persischen Golf und im Nahen Osten Einhalt zu gebieten und somit der Gefährdung der Sicherheit der vitalen Energiequellen zu entgegnen, wurde der Irak zum Überfall auf den Iran ermutigt. Saddam Husseins machtpolitische Ambitionen, die Führung in der arabischen und gesamtislamischen Welt zu übernehmen und in die Fußstapfen des früheren populären ägyptischen Präsidenten Gamal Abd an-Nasser zu treten, haben das Ihrige zur diesen Entscheidung, Krieg gegen den Iran zu führen, beigetragen. Am 22. September 1980 rollten die irakischen Panzer mit Zustimmung des Westens über die iranischen Territorien, der Beginn eines Krieges, der aus der Sicht Saddams binnen ein paar Wochen gewonnen werden sollte, jedoch aber acht Jahre andauerte. Die wider Erwarten starke Gegenwehr des Iran und die Vertreibung der irakischen Truppen aus allen besetzten Territorien 1982 verlockte die Mullahs in Teheran zur Fortsetzung des Krieges mit dem Ziel, Saddam Husseins Regime zu stürzen und somit den Weg zur Export der Revolution erst recht zu ebnen.
Diese Ambitionen des Gottesstaates Iran, deren Erfolg verheerende Folgen für den Westen zur Folge gehabt hätten und vor allem die Existenz der Regimes der Staaten am Persischen Golf immens bedrohte, veranlasste den Westen, Saddam Hussein massiv Beistand zu leisten. So flossen unzählige modernste Waffen aller Art in den Irak, wobei die Sowjets ebenfalls mithalfen. Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld besuchte 1983 Bagdad und schüttelte Saddam Hussein die Hand. Die Folge dieser parteiischen Politik des Westens war die Schwächung der Position des Iran im Krieg ab dem Jahr 1982. Die Iraner, die nun in den Irak eingedrungen waren, stießen auf enormen Widerstand der mit modernstem Waffenarsenal aufgerüsteten irakischen Armee. Ohne den Beistand des Westens hätte ein Sieg des Iran durchaus im Bereich des Möglichen gelegen. Der völkerrechtswidrige massive Einsatz von Chemiewaffen gegen die iranischen Truppen und auch gegen das eigene Volk wurde vom Westen stillschweigend geduldet. Es gelangten außerdem Dokumente und Indizien einer Mitwirkung des Westens, vor allen Deutschlands, bei der Aufrüstung des Irak ans Tageslicht. Auch das barbarische flächendeckende Bombardement mit Senfgas seitens der irakischen Luftwaffe in der kurdisch-irakischen Stadt Halabja im März 1988, dem zufolge ca. 5000 irakische Kurden und hunderte iranische Soldaten getötet wurden, blieb ohne nennenswerte Proteste aus den USA und Europa.
Aus Furcht eines chemischen Bombardements der großen Städte mit desaströsen Folgen nahm der Iran eine UN-Resolution zum Waffenstillstand an. Der Krieg, mit etwa einer Million Toten und Milliarden US-Dollar Schaden auf beiden Seiten endete 1988. Saddams Armee war immens gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen. Die nun eine Million Mann starke Armee des Irak, ausgerüstet mit modernsten Waffen, vernebelte Saddams Augen und verleitete den großen Diktator zur größten Wahnsinn und zugleich dem Fehler seines Lebens, dem Überfall auf Kuwait. Dabei hatte Bagdad auch nach dem Irak-Iran-Krieg die wohlwollende Unterstützung des Westens. Schließlich hatte Saddam Hussein die Mission, den Khomeinismus zu stoppen, hervorragend erfüllt, auf Kosten von Menschen und Material der beiden Staaten.
Doch gibt es zwei Kategorien von Diktatoren: die einen, die mit Gewieftheit und Scharfsinn das Überleben ihrer Regime sichern bzw. in die Länge ziehen und jene, die besessen von irrationaler und absolut übertriebener Machtgier ihren eigenen Untergang selbst in die Wege leiten. Der verstorbene syrische Präsident Hafez al-Assad sen. und in gewisser Hinsicht der libysche Staatschef Muammar al-Ghaddafi gehören zur ersten Kategorie der Überlebenskünstler. Demgegenüber beendete Iraks Präsident Saddam Hussein sein dramatisches Leben mit einem extrem demütigenden Schicksal am Galgen und ging als eines der naivsten und dümmsten Staatsoberhäupter der despotischen Welt in die Geschichte ein.
Es bestand für Saddam Hussein überhaupt kein Grund, in Kuwait einzufallen und somit aus der westlichen Sicht die rote Linie zu überschreiten. Mit der Einverleibung von Kuwait als neuer Provinz des Irak und der Verfügung über die Ölfelder des Scheichtums hätte der Irak, was die Erdölreserven angeht, mit Saudi-Arabien gleichgezogen. Dies, gepaart mit der stärksten Armee am Persischen Golf, hätte die gesamten Machtkonstellationen am Persischen Golf und im gesamten Nahen Osten auf den Kopf gestellt und hätte auch Saddams wahnsinnige Ambitionen ausweiten können. Das war der Grund für die entscheidende Kehrtwende in der Politik des Westens gegenüber Bagdad.
Der irakische Diktator und seine Berater hätten wissen müssen, dass das Kuwait-Abenteuer eine tödliche Fehlkalkulation war. Die irakische Führung hat tatsächlich ihre eigene bestmögliche regionale Position in der gesamten Geschichte des Irak eigenhändig verspielt und für den eigenen dramatischen Untergang gesorgt. Der Überfall auf Kuwait war der historische Fehler eines Diktators, der es nicht verstand, mit seiner enormen Machtfülle umzugehen. Der machtbesessene Saddam, der einst von der „Mutter aller Schlachten“ sprach und bis zu den letzten Stunden seines Regimes seine Parolen nicht aufgab, wurde am Ende aus einem Loch herausgezogen. Er, der aussah wie ein Höhlenmensch, ließ sich von US-Medizinern in den Haaren nach Läusen absuchen, machte seinen Mund für die Untersuchung seines Gebisses auf wie ein Pferd und endete schließlich am Galgen. Er kam wie ein Fuchs an die Macht, regierte wie ein Löwe und starb wie ein Hund.
Vielleicht hätte er sich das alles ersparen können, wäre er nicht von Macht und ungezähmter Brutalität verblendet gewesen. Saddam Hussein wurde Opfer seiner eigenen Dummheit.
Von Dr. B. Khosrozadeh für INN_________________________________________________________
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