
Durch eine Freundin habe ich einige christliche Iraner kennen gelernt und Kontakt zu einer der Untergrundkirchen im Iran bekommen. Dass es Untergrundkirchen im Iran gibt, konnte ich mir gar nicht vorstellen. Es gibt sie aber, es gibt sogar einige davon, da es eine stark anwachsende christliche Gemeinde aus ursprünglich muslimischen Iranern gibt und diese natürlich auch das Bedürfnis nach einer Kirche haben. Die Kirche die ich besucht habe ist offiziell eine Armenische Kirche und wird offiziell auch von Armeniern geleitet. Dort dürfen auch keine Muslime getauft oder ursprüngliche Muslime vermählt werden. Dennoch sind die meisten Mitglieder dieser Gemeinde als Muslime geboren worden.
Es gibt immer häufiger Menschen im Iran die zum Christentum übertreten. Offizielle Zahlen gibt es nicht, und auf die Schätzungen von 100.000 Konvertierten im Jahr kann man sich auch nicht verlassen, vor allem, da man darauf hinweisen muss, ist, dass es im Moment im Iran eine Mode-Erscheinung geworden ist sich zu anderen Religionen zu bekennen.
Viele Iraner aus der Oberschicht sehen sich durch den Islam in ihrer Lebensweise gestört, und denken, dass ihnen andere Religionen mehr Freiheiten geben und ihnen Türen zu vielen Dingen und Möglichkeiten eröffnet, welche sie als Muslime nicht haben. Der Islam wird im Iran all zu häufig mit den Verboten und Geboten der Regierung assoziiert und so kommen viele Abneigungen zu Stande, die es in der Regierungszeit des Schahs so nicht gegeben hat. Auch damals gab es viele die nicht allzu religiös gewesen sind, aber dennoch haben sie den Islam damals nicht verteufelt. Religion war viel privater als es heutzutage ist. Daher wenden sich viele Menschen vom Islam ab und anderen Religionen zu. Nicht nur das Christentum hat einen hohen Anlauf auch andere Religionen werden im Iran von meist jungen Menschen interessiert beobachtet und ausprobiert. Es gibt sehr viele Bücher über Meditation und Selbsterkenntnis und wenn man nach Personen oder Gruppen sucht, die einem helfen zu sich selbst und zu seinem Glauben zu finden, so gibt es viele davon. Die Zeugen Jehovas zum Beispiel haben in den letzten Jahren ebenso einen hohen Zulauf wie ostasiatische Religionen und Lebensweisen.
Ein junger Musiker der unglaublich gebildet und talentiert ist, hat mir erzählt, dass er die Kraft für seine Musik von den Hare Krishnern bekommt. Er würde alle ein oder zwei Jahre ein religiöses Camp der Gruppe im Ausland besuchen und einige Wochen seiner Zeit mit Meditation und Beten verbringen. Nur so hätte er die Kraft sein Leben im Iran zu meistern. Er hätte es auch mit dem Islam versucht, seine Familie sei sehr religiös, aber der Islam hätte ihm die Kraft die er benötigt nicht gegeben. Der Musiker hat eine sehr schöne CD mit selbst geschriebenen Liedern, die sowohl die moderne wie auch die klassisch iranische Musik beinhalten, veröffentlicht.
Meine Friseurin zündet immer Räucherstäbchen an und zieht sich in ganz knalligen Farben an. Bei meinem letzten Besuch habe ich sie darauf angesprochen, dass sie irgendwie interessant anders sei und sie sagte mir, dass sie einer kleinen religiösen Gruppe angehören würde, die aus allen Religionen Aspekte enthalte und dass mir dies an ihre sicherlich aufgefallen sei. Sie hat mir dann ein wenig aus ihrem Leben erzählt und anscheinend stammt sie aus einer wohlhabenden Familie und hatte noch einen Bruder, dem sie sich auch sehr verbunden gefühlt hat. Ihre Familie war immer religiös, allerdings nicht übertreiben religiös. Sie meinte, dass sie sich immer als Muslimin gefühlt hatte, und auch immer sehr glücklich damit war. Dann sei ihr einziger Bruder ums Leben gekommen und sie hätte ihren Halt verloren. Sie hat in der Religion nach Antworten und Hilfe und Kraft gesucht, diese aber nicht gefunden. So hätte sie sich ganz von dem Islam und Gott abgewendet. Es hätte aber etwas in ihrem Leben gefehlt. Nun nach einigen Jahren hat sie zu dieser religiösen Gruppe und dadurch auch wieder zu Gott gefunden. Es gibt in ihrem Glauben wohl einige Meditationsstufen, welche sie besteigen muss und der Prozess benötigt seine Zeit. Dann aber wird sie vollkommen zu Gott finden und vieles begreifen, was die meisten Menschen auf der Welt nicht begreifen. Hilfe bekommt sie von ihrem Meditationsmeister, welcher das Oberhaupt dieser Gruppe sei. Sie sagte mir, dass sie nicht all zu viel erzählen möchte, da sie sich und die Gruppe schützen müsste, aber so wenige wie ich denken würde seien sie gar nicht und so klein wie ich die Gruppe einschätzen würde, sei sie nicht. Sie sei über das ganze Land verstreut.
Das erste Mal, als ich in der oben genannten Kirche war, wollte ich nur meine Freundin nach dem Gottesdienst abholen. Meine Freundin hatte mich mehrere Male zu einem Gottesdienst eingeladen, die Kirche die sie besucht ist eine offene Kirche in der alle Menschen willkommen sind. Dies ist nichts Alltägliches im Iran, da die meisten Kirchen außer ihren Gemeindemitgliedern keine Personen in ihren Gottesdiensten dulden. Dies liegt vor allem an dem Missionierungsverbot im Iran. Wie mir erzählt wurde, gibt es viele Gemeinden und Kirchen für ursprüngliche Muslime im Iran, aber keine ist so offen wie diese. Die meisten Kirchen sind richtige Untergrundkirchen in denen die Gottesdienste in den Wohnzimmern von den Gemeindemitgliedern stattfinden.
Ich hatte schon Lust einen Gottesdienst auf Farsi zu besuchen, war mir aber dennoch niemals sicher, ob ich diese Einladung annehmen wollte, denn meine Freundin erzählte mir immer von Wundern und Wunderheilungen und ich glaube nicht so recht daran. Außerdem sprechen alle konvertierten Christen im Iran den ganzen Tag nur über Gott und darüber wie man als guter Christ zu leben hat. Dies ist ein wenig „too much“ für mich und so habe ich mich meist gegen einen solchen Gottesdienst entschieden.
Als ich meine Freundin abholte war der Gottesdienst schon vorbei und ich bin, doch schon etwas Neugierig, auf der Suche nach meiner Freundin in die Kirche geschlüpft. Das erste was ich sah, war ein Mann, der auf dem Boden lag und ungefähr 20 Gemeindemitglieder die um ihn herum standen und ihre Hände in seine Richtung ausgestreckt hatten. Ein Mann betete laut und hatte seine Hände auf die Schultern der Person gelegt, die am Boden lag, und so nahm ich, wie ich später erfuhr auch richtig, an, dass dies der Priester der Gemeinde war. Die Gemeindemitglieder welche um die Person herumstanden, sahen alle sehr konzentriert aus, einigen liefen Tränen über die Wangen während sie so dastanden und beteten. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte ein ganz komisches Gefühl dort zu stehen, aber ich konnte mich auch nicht davon abwenden. Ich hatte das Gefühl dorthin starren zu müssen, dachte mir aber auch die ganze Zeit, das das sehr unwirklich war, hatte aber dennoch eine Gänsehaut dabei. Nach einigen Minuten stand der Mann vom Boden auf, und alle drum herum fingen an laut Gott für seine Heilung zu preisen, weinten vor Freude und fielen sich in die Arme. Ich dachte mir nur, was für eine krasse Sekte, und wollte nur noch aus dieser Kirche heraus. Ich konnte es keine Sekunde länger in dieser Kirche ertragen. Mir spukten die ganze Zeit nur Namen wie Hare Krishna und die Zeugen Jehovas im Kopf umher und trotz meiner Angst war mein Interesse dennoch geweckt worden.
Die Woche darauf sage ich meiner Freundin, dass ich sie in den Gottesdienst begleiten würde. Ich nahm mir eine iranische Freundin als Unterstützung mit. Vor der Kirche angekommen, stand ein Mann, der uns alle ganz hektisch reinwinkte. „Schnell, schnell, ihr wisst doch, dass ihr nicht vor der Kirche stehen bleiben dürft.“ Wir gingen schnell hinein, und in dem Vorraum der Kirche angekommen stand schon der nächste Mann, der uns in einen Raum in den Keller führte und sagte, dass wir dort warten sollten. Meine christliche Freundin sah mein verwundertes Gesicht als sie uns im Keller abholte und erklärte, warum ich mich mit vielen Menschen in einen engen Raum quetschen musste. Ich bekam fast keine Luft mehr, so stickig und eng war der Raum. Meine Freundin sagte, dass wir uns hier unten verstecken müssten, bis der erste Gottesdienst vorüber ist, damit wir dann zu dem zweiten Gottesdienst in die Kirche gehen könnten. Die Gemeinde teile sich für die Gottesdienste immer auf, damit falls es Kontrollen gibt, nicht die gesamte Gemeinde anwesend sei. Das beruhigte mich natürlich vollkommen.
In der Kirche angekommen, bemerkte ich gleich wieder diese eigenartige Stimmung und bekam schon wieder dieses Gefühl und eine Gänsehaut, ein Gefühl, welches ich in 25 Jahren Gottesdienst in Deutschland niemals hatte. Es war nicht als ob ich in einem Gottesdienst war, es war ein anderes Gefühl. Die Gesichter der Menschen um mich herum hatten einen eigenartigen Ausdruck, sie hatten alle eine Art innere Ruhe welche man ihnen genau ansehen konnte. Die Musik die während des Gottesdienstes gespielt wurde, war sehr angenehm, insgesamt verfiel meine Angst wieder, und ich fühlte mich wohler, aber ich hatte nicht das Gefühl in der realen Welt zu sein. Es war als ob man nicht im Iran war, sondern auf einem ganz anderen Planeten. Die Menschen um mich herum hatten ein wahnsinniges Zusammengehörigkeitsgefühl welches man ganz genau spürte. Man war eine Einheit, man war nicht allein, dies war ein Gefühl, welches man in der Ellenbogengesellschaft im Iran wirklich benötigt. Dennoch störte mich irgendetwas, ich wusste aber nicht was. Bei dem Gottesdienst wurde sehr schön mit Licht, mit Videoprojektionen und mit Musik gespielt. Die Lieder, welche gespielt wurden, waren sehr gut ausgewählt, man wurde ich eine Art Trancezustand versetzt. Im Namen von Jesus Christus wurde von Wundern berichtet, und darüber, dass der Teufel nur darauf wartet, die Jünger vom Rechten Weg abzubringen. Die Laster der heutigen Gesellschaft wie Alkohol, Zigaretten, Drogen, Ehebruch, Sex vor der Ehe, Homosexualität, vor all diesen Dingen wurde gewarnt, und auch wenn man die Bibel kennt, und auch wenn man all diese Dinge schon vorher wusste, so kam es einem in dieser ungewöhnlichen Atmosphäre doch sehr richtig und neu vor. Der gesamte Gottesdienst wurde auf Farsi gehalten, sogar die Lieder waren meist bekannte Kirchenlieder, welche auf Farsi übersetzt worden waren.
Bei den Gebeten hörte ich aber auch eine andere Sprache, eine ungewohnte Sprache, Zungen, die Sprache des Heiligen Geistes, wie mir erklärt wurde. Der Heilige Geist verinnerlicht sich in einem und man spricht mit Gott in der Sprache des Heiligen Geistes. So kommt man Gott näher. Ich hatte davon in der Bibel gelesen, doch ich hatte noch nie neben jemandem gestanden, der diese Sprache gesprochen hat. Die ganze Zeit dachte ich darüber nach, ob diese Menschen die Sprache wirklich konnten, oder ob sie nur so taten. Egal was es war, es war faszinierend.
Ich besuchte diese Kirche einige Male, und jedes Mal wurde ich vertrauter mit der Atmosphäre und jedes Mal hatte ich weniger das Gefühl, dass ich fremd in dieser Gemeinschaft war, aber dennoch hatte ich immer dieses eigenartige Gefühl, welches mich davon abhielt wieder dorthin zu gehen, und so bin ich schon seit langem nicht mehr dort gewesen. Irgendetwas hält mich davon ab, vielleicht ist es das ungewohnte, vielleicht auch etwas anderes...
Meine Freundin besucht diese Kirche aber nun schon seit Jahren und ist aktives Mitglied der Kirche. Was ich sehr schön finde, ist dass die Gemeinde sehr zueinander hält, und dass die Stimmung unter diesen Menschen meist sehr gut ist. Meine Freundin zum Beispiel kommt mit vielen Problemen, die andere vielleicht härter treffen würde, sehr gut klar. Sie hat eine solche Überzeugung in sich, dass alles Gut wird und dass man sich auf Gott verlassen kann, die man sonst selten findet.
Zudem gibt es viele Aktivitäten in der Kirche, die einen positiven Eindruck vermitteln. Meine Freundin ist zum Beispiel im Kirchenchor und hat einige Male in der Woche Proben. Sie sagt, dass die fröhlichen Lieder die sie mit dem Chor besingt, sie immer glücklich stimmen würden.
Möchte man nicht in eine solche Gemeinde gehen, dann hat man auch die Möglichkeit den Gottesdienst Zuhause zu erleben. Es gibt mittlerweile einige iranische Exilfernsehkanäle, die von iranischen Christen geleitet werden. Über Satteliten und das Internet bekommen Konvertierte den Gottesdienst nach Hause geliefert. Es gibt auf solchen Kanälen gemeinsame Bibelstunden in welchen die Bibel auf Farsi gelesen und erklärt wird. Es gibt interaktive Sendungen in welcher die Gläubigen Fragen per E-Mail oder per Telefon stellen können und die Antworten erfolgen dann Live in der Sendung. Fast so wie ein persönliches Gespräch bei einem Priester, nur ein wenig unpersönlicher und undiskreter. Es werden Filme von Jesus Christus auf Farsi gezeigt, Sendungen von US-Amerikanischen Fernsehpriestern auf Farsi übersetzt und es gibt sogar christliche Zeichentrickfilme auf Farsi.
Viele der Exilkanäle haben ihren Sitz in den USA und einige in Dubai. Es sind die Kanäle von Gemeinden von Exiliranern, die ihre Gottesdienste und ihren Glauben verbreiten möchten. Die meisten christlichen Exiliraner leben in den USA und in Dubai aber auch in Deutschland gibt es solche Gemeinden. Die Gemeindemitglieder sind meist in ganz Deutschland verstreut und so finden die Gottesdienste im kleinen Kreis in Gemeindezentren anderer Kirchen statt. In Köln hat die Gemeinde zum Beispiel nur wenige Mitglieder, aber dennoch werden Gottesdienste veranstaltet, auch wenn nur fünf Personen zu einem solchen Gottesdienst erscheinen. Meist kennen sich die Gemeindemitglieder noch aus Gemeinden aus dem Iran.
© Jasmin Tiefensee