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Berlin 19:31 - Tehran 21:01 - Los Angeles 10:31 Sonntag, 20.07.2008
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SERIE "NATUR UND URSPRUNG" DER MALERIN HOMEIRA KAMALI-NOVIN
Ein paar Gedanken zu ein paar Bildern
imgIm Rahmen des nun-Projektes in Aachen, der alten Reichs- und Kaiserstadt, hat die Malerin Homeira KAMALI-NOVIN in der Zeit vom 19. bis zum 28. März eine Reihe stiller und meditativ anmutender Bilder ausgestellt (INN berichtete). Die Künstlerin selbst hat die Serie, die verschiedene Techniken umfasst (Öl, Acryl, Mischtechnik, Pastell) <Natur und Ursprung> genannt. Zur leisen, unspektakulären Sprache der Bilder passte als Ausstellungsraum ausgezeichnet die Aula Carolina, die vor fast 25 Jahren aus der im Krieg zerstörten Katharinenkirche hervorgegangen ist.

Die immer noch starke sakrale Atmosphäre des Raumes, der neben schulischen und künstlerischen Zwecken auch bei der Karlspreis-Verleihung genutzt wird, schafft für diese Zeichnungen und Malereien einen Kontext der Nachdenklichkeit und des aufmerksamen Fragens.

Als ich die Bilder zum ersten Mal sah, erfasste mich sogleich eine Stimmung, die eine Mixtur aus Poesie, Rätselhaftigkeit und düster-unheimlichem Grund war. Ich fand mich in einer Welt stummer Bewegungen und Gebärden wieder, in der meine rationalen Orientierungstechniken versagen müssen, und wo ich mir auf einmal vorkam wie im Traum oder unter Wasser. Immer wieder sind es Herden wilder Tiere und Schwärme fliegender Vögel bzw. schwimmender Fische, sich unheimlich verzweigende Baum- und Schlinggewächse, die in einem dunklen Reich der Unterwelt gründen.

Ein einziges Mal entdecke ich Menschenwesen: drei typisierend aufgefasste afrikanische Häupter im Schmuck von Stammesfürsten und in ihrer rituellen Funktion ernst und bedrohlich - wie dämonische Wesen aus einer anderen Welt.

Wer sich im virtuellen und symbolischen Bildraum richtig wohl und heimisch fühlen möchte, wird sich durch diese (nur mit einer durchzählenden Nummer versehenen) Bilder eher verunsichert und befremdet sehen. Hinzukommt, dass der Einsatz der Farbe beinahe monochromatisch ist: Meist reicht eine einzige dominante Farbe, um das archaische Naturgeschehen in feinen gekonnten Abtönungen zum Sprechen zu bringen. Mit Hilfe gezielter Hell-Dunkel-Kontraste gelingt es der Malerin, die ursprunghafte Motilität und rätselhafte Verschlungenheit dieser chthonisch-unterwelthaften Natursphäre herauszumodulieren. Bild 11, eine lebensverachtende Steinwüste, ist in ein allmählich verblassendes Blau getaucht, das immer noch von der soeben überwundenen Weltennacht zeugt.

Das alles ist weder Illustration zur Morgenstunde der Schöpfung noch verstörende Science-Fiction-Vision. Vielmehr konfrontieren uns diese Bilder mit unserer eigenen seelischen Befindlichkeit, indem sie uns einen Verlust, eine Ferne zu unserem eigenen wilden und instinkthaften Ursprung spüren lassen. Wir, die beredten und wortstarken Umgestalter der Welt, haben die Verbindung zu unseren stummen Mitgeschöpfen verloren.

Vielleicht ermutigen uns diese Bilder aber auch, das Tier in uns und seine lebendige ursprunghafte Essenz wiederzuentdecken.

Steinzeitliche Tierdarstellungen (wie etwa in der Höhle von Lascaux) hatten sicherlich auch die Funktion, eine mystische Verbundenheit zwischen dem Eingeborenen und seinem Totem-Tier herzustellen. Zahlreiche Religionen und Mythen enthalten Erinnerungen an die Opferung bzw. Verehrung von Tieren. Diese sollten einerseits die Aneignung der Tierkraft auf magischem Weg bezwecken, zum anderen sollten sie aber auch helfen, die gefährlichen und dämonischen Triebe im eigenen Inneren zu beherrschen.

Bei der Wiederentdeckung unserer elementaren Verbundenheit mit Natur und Tierseele war die Kunst des 20. Jahrhunderts immer wieder engagiert.

Franz MARC entwarf in seinen expressionistischen Tierbildern Geschöpfe, die in großer Harmonie mit der Natur leben.
Was wäre unsere unerlöste Welt ohne das Paradies der Tiere im Werk eines Paul KLEE?
Auf etwas anderen Wegen führte uns Ewald MATARÉ mit seinen Pferden, Kühen, Hühnern und Katzen zurück zum Ursprung der Schöpfung.
Und schließlich Joseph BEUYS, der Heiler und Magier, er gab uns gebrochenen Menschenwesen die Intelligenz der Tiere, ihren mythischen und totemistischen Rang zurück. Die Biene war für ihn ein heiliges Tier, und der Hase, das war er selber.

Die Botschaft der Natur- und Tierbilder von Homeira KAMALI-NOVIN kommt keinesfalls mit weltveränderndem Getöse daher. Diese Kunst ist unaufdringlich und von stiller poetischer Kraft. Sie führt uns an den Rand eines Abgrunds, der in uns selber schlummert: jener dunkle, dem Bewusstsein weitgehend entzogene Bereich, aus dem heraus wir Heutigen k r e a t i v e und h e i l e n d e Kräfte erfahren.

von Manfred Elsen

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© Manfred Elsen
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Veröffentlicht:
Donnerstag, 24.04.2008 , 06:50 Uhr
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