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Berlin 14:45 - Tehran 16:15 - Los Angeles 05:45 Freitag, 21.11.2008
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REPLIK ZUM SPIEGEL-ARTIKEL
Was Herr Schulz besser wissen sollte
Anmerkung der Redaktion:
Bezugnehmend auf den geschichtsverdrehenden Artikel von Matthias Schulz auf Spiegel-Online, setzen wir eine offene Replik ins Magazin, die die offensichtlich vorsätzliche Schlampigkeit in der Recherche von Herrn Schulz einerseits und die offensichtliche „Verdrängung der redaktionellen Pflichten“ der Spiegel-Online Redaktion andererseits zur Schau stellen wird.



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Als die erste Charta der Menschenrechte wurde seitens der Vereinten Nationen 1971 die Erklärung des persischen Reichsgründers Kyros II. in Babylon aus dem Jahr 539 v. Chr. gefeiert.
Sehr geehrter Herr Schulz,

auch wenn der letzte Shah Persiens den Kyros-Zylinder politisch einsetzte, bedeutet dies per se keine Entwertung eines antiken Textes.

Als der Zylinder 1878 in Babylon (nicht in Persien übrigens) gefunden wurde, war der Shah noch nicht mal geboren. Die Authentizität des Schriftstücks an sich ist sichergestellt. Da kann man gewiss nicht von einer geschichtsverdrehenden Fälschung sprechen.

Sie erheben schwere Anschuldigungen, ohne jedoch konkrete Quellen zu nennen. Da zitieren Sie vage Klaus Gallas, der der UN einen "Fehler" attestiert, ohne dass dieser Fehler genauer beschrieben wird. Entscheidend ist doch primär der Inhalt des Textes, und dieser ist zweifelsfrei löblich. Welchen ach so furchtbaren Fehler begeht die UN denn? Mehrfach erwähnen Sie Wiesehöfer, der dem Shah Propaganda zuschreibt und Kyros als "Menschenrechtler" ablehnt, aber was hat das mit der Authentizität des Textes und dessen toleranter Botschaft zu tun?

Und selbst wenn einige der von Ihnen behaupteten Exzesse tatsächlich wahr wären, würde das den humanen Geist des Textes nicht in eine Hasstirade verwandeln. Ereignisse müssen im Kontext ihrer Zeit gesehen werden. Jahrtausende vor der Ära der Fernkommunikation konnte kein Herrscher aus Hunderten von Kilometern Distanz eine jede Handlung seiner Untergebenen koordinieren und kontrollieren.

"Nach sittlichen Reformen und humanen Geboten sucht man in der Keilschrift vergebens.", schreiben Sie. Es fällt Ihnen nicht auf, dass es sehr fortschrittlich und freiheitlich ist, dass Kyros den "fremden" aber den Babyloniern heiligen Gott ehrt und nicht versucht, die Religion der Besiegten zu diffamieren und Zwangsbekehrungen durchzuführen. Den hier erlaubten Polytheismus vermögen Sie nicht als Zeichen besonderer Liberalität zu deuten.

Sie übersehen, dass die Einnahme Babylons ohne wesentliches Blutvergießen und Drangsalierung der Bevölkerung erfolgte. Ist darin nichts Humanes? Der Sieger hätte doch Massaker anrichten können, die Stadt der Plünderung preisgeben und die Bewohner versklaven können. Gerade die Geschichte des Christentums ist doch reich an dieser wenig ruhmreichen Variante der Behandlung von Besiegten.

Auch das "I did not permit anyone to frighten the people of [Sumer] and Akkad." (engl. Übersetzung aus livius.org) scheint Sie wenig zu beeindrucken, obwohl daraus hervorgeht, dass hierdurch Plünderungen privaten Eigentums und die Belästigung der Bevölkerung unterbunden wurden. Sicher verhielten sich die Kreuzritter wesentlich zivilisierter. Ganz zu schweigen vom fortschrittlich-humanen Verhalten Alexanders des Grossen bei der Einnahme von Gaza oder Tyrus. Scheint Ihnen alles entfallen zu sein, richtig?

Die angebliche iranische "Propaganda" verschweigt nicht Kyros Kriege und Expansionsaktivitäten, Tributforderungen, etc. Man hält jedoch fest, dass er unumstritten um einiges liberaler, fortschrittlicher und (bei den Untertanen) beliebter war als die allermeisten nennenswerten Herrscher vor und nach ihm.

imgXenophon berichtet, dass die Menschen Kyros freiwillig gehorchten (siehe Bild links). Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern musste Kyros nicht permanent Massenaufstände niederschlagen.

Mich verwundert weiterhin Ihr althistorisches Unwissen, wenn Sie von "Afghanistan" oder "Usbekistan" sprechen, als ob es seinerzeit für diese Gebiete diese Bezeichnungen gab. Unfreiwillig komisch aber wohl mit der Intention einer Schürung aktueller Hassgefühle auf den heutigen Iran ist der Satz:

"Schon bald aber bekam der Westen die Entschlossenheit dieses Mannes zu spüren." Passt ja gut in die heutige Anti-Iran-Propaganda, nach dem Motto: Schon immer waren diese Barbaren Feinde des "Westens". Naja, wenn die Nato- und EU-Osterweiterungen mal auch die Mongolei erreicht haben sollten, wird vermutlich ein Grenzscharmützel mit Turkmenistan als Angriff auf die westliche Zivilisation gedeutet.

Wollen Sie, Herr Schulz, allen Ernstes behaupten, dass die Juden seit 2500 Jahren etwas feiern (nämlich die Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft), was Ihrer Ansicht nach niemals stattgefunden hat? Warum sollten die Juden irgendwelche Geschichten erfinden und diese dann auch in Jahrtausenden nicht revidieren, nur um einen fremden und entfernt wohnenden Großkönig "zu Unrecht" zu loben? Für wie geistig minderbemittelt muss man seine Leser und Leserinnen halten, um sich nicht einmal die Mühe zu machen, solche offensichtlichen Widersprüchlichkeiten wenigstens mit rhetorischer Raffinesse zu vertuschen?

Beim Versuch, die Befreiung der Juden als Märchen zu deklarieren, schreiben Sie: "Doch moderne Historiker haben derlei Berichte längst als Schmeichelei entlarvt. 'In der Antike wurde ein Glanzbild von Kyros erstellt', erklärt Wiesehöfer. In Wahrheit war er ein Gewaltherrscher wie andere auch."

Was heißt hier "Schmeichelei"? Hatten jüdische Chronisten und Propheten nichts Besseres zu tun, als wohlgesonnene Fabeln für einen Nichtjuden zu "erfinden"? Dann ist die Frage, wer diese "modernen Historiker" sind. Wiesehöfer scheinbar nicht, denn auch Sie, Herr Schulz, schaffen es nicht, ein direktes Zitat dieses Mannes zu bringen, in welchem dieser die Befreiung der Juden explizit abstreitet.

Während Sie alles im Sinne von Kyros Positive anzweifeln, wird alles Negative kritiklos auf die Goldwaage gelegt. Beispielsweise ignorieren Sie, dass die schweren Vorwürfe bezüglich der Einnahme von Priene vom Griechen Herodot kommen, der hier über einen Gegner schreibt und daher vorsichtig behandelt werden sollte. Herodot ist bekannt für seine starke Tendenziösität und Übertreibungen, wie etwa bei seiner Behauptung, Xerxes sei mit 1.7 Mio. Soldaten gegen Griechenland gezogen, worüber jeder heutige, seriöse Historiker nur lachen kann.

Doch was machen Sie? Sie legen Lächerliches auf die Goldwaage und Offensichtliches verzerren Sie einfach weg. Hervorragende Arbeit, Herr Schulz. Hervorragendes Augenzudrücken, Spiegel-Online.

Mit freundlichen Grüßen,

Nima (Gastautor)


©Nima/Iran-Now Network
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Veröffentlicht:
Sonntag, 13.07.2008 , 18:23 Uhr
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